Oliver Wesseloh

Kreativität statt Reinheit

Eines der bekanntesten Gesichter der Bierszene ist zweifelsfrei Oliver Wesseloh. Brauer, Sommelier und Querdenker. Kaum einer kritisiert das „Reinheitsgebot“ in seiner jetzigen Form so sehr wie er. Mit seinem markanten Bart und der Mütze, ohne die man ihn sich gar nicht vorstellen kann, ist er gern gesehener Gast auf Veranstaltungen, wenn es um die Gegenwart und Zukunft des deutschen Bieres geht. Wir trefffen ihn zum Gespräch in seiner Kreativbrauerei im Süden Hamburgs.

Am 23. April wird das „Reinheitsgebot“ 500 Jahre alt. Wie wirst du den „Tag des Bieres“ feiern?

Olli Wesseloh: Oh, keine Ahnung. Vielleicht fahre ich zu Pax-Bräu und mache mit Andreas einen richtig abgefahrenen Sud. Ansonsten ist mir das Thema zu quatschig. Das Gute ist, dass es mittlerweile einige Leute gibt, die sich darum bemühen, das Thema vernünftiger anzugehen, sprich etwas wie ein Natürlichkeitsgebot zu etablieren. Derzeit argumentiert der Deutsche Brauer Bund damit, dass es ja problemlos möglich sei, eine Ausnahmegenehmigung für andere Zutaten zu bekommen. Er weiß aber auch, dass die Ersten in den Startlöchern stehen und sagen. „Ok, wenn ihr uns weiter komisch kommt, dann geht’s halt zum EU-Gerichtshof.“ Und dann ist das Thema ganz weg.

Auf der Homepage des Deutschen Brauer Bundes steht folgende Formulierung: „Das Reinheitsgebot sichert seit fast 500 Jahren die Bier-Qualität“.

Ich versuche in meinen Braukursen und Verkostungen, den Teilnehmern immer klar zu machen, dass das Reinheitsgebot überhaupt nichts mit der Qualität zu tun hat. Beispiel: Jeder hat doch schon mal ein deutsches Bier getrunken, von dem er gesagt hat: „Gott, was für ein furchtbares Gesöff.“ Wer hat denn nun Recht? Der Begriff „Qualität“ ist schon mal ein relativ schwieriger. Willst Du Qualität über analytische Werte definieren? Oder über den Geschmack? Gerade wenn man sich die Geschmacksqualität ansieht, hat jeder schon mal feststellen können, dass das Reinheitsgebot überhaupt kein Garant für Qualität ist, sondern auch sehr große Scheiße völlig im Namen des Reinheitsgebots verbrochen werden kann. Ich kann ja irgendein Schrottmalz nehmen und gammeligen Hopfen und Hefe, die Diacetyl ohne Ende produziert und damit völlig im Rahmen der Legalität ein Bier brauen.

 

Oliver Wesseloh ist Dipl. Ing. für Brauwesen und gewann 2013 die Weltmeisterschaft der Biersommeliers. Sein Beruf führte ihn in die Karibik, nach Süd- und Nordamerika. In den USA war er so überwältigt von den Craft Breweries, dass er beschloss, eine eigene Brauerei aufzumachen. 2012 kehrt er nach Deutschland zurück und gründet kurz darauf die Kreativbrauerei Kehrwieder. Anfangs noch ohne eigene Anlage, mietete er sich als Wanderbrauer in anderen Brauereien ein. 2015 fand er die geeigneten Räumlichkeiten und betreibt seit Oktober sein eigenes 5-Hektoliter-Sudhaus – immer unterstützt von seiner Frau Julia.

 

Wenn hierzulande nicht nach dem „Reinheitsgebot“ gebraut wird, darf man das Produkt im Ausland dennoch als „Bier“ vermarkten. Ebenso dürfen ausländische Brauereien sowas als „Bier“ nach Deutschland bringen. Aber als deutscher Brauer ist es einem untersagt, solche Getränke als „Bier“ zu bewerben. Da werden deutsche Brauer also im eigenen Land mit ihren Produkten benachteiligt?

Das nennt sich umgekehrte Diskriminierung. Das ist erlaubt, wenn Berufsgruppen der Meinung sind, sich selber diese Pflicht auflegen zu wollen. Das ist auch der wunde Punkt des Biergesetzes gegenüber dem EU-Recht. Wenn die Leute sich nicht mehr diskriminieren wollen, dann würde EU-Recht gelten. Das hätte den Nachteil, dass dann alles erlaubt wäre, was laut EU-Recht zulässig wäre, also auch künstliche Farb- und Aromastoffe. Daher sollte man also auch vorsichtig sein. Dann kommt der Geist aus der Dose heraus, den der Brauer Bund ja immer beschwört: Chemie, künstliche Enzyme, Farbstoffe, Aromastoffe und was sonst noch. Darum muss man aktiv an einer Umgestaltung arbeiten, damit wir auch zukünftig einen besonderen Status für deutsche Biere haben. Aber das bedeutet: Zusammenarbeit. Wenn man meint, man muss da mauern und das aussitzen, dann ist man sicherlich im falschen Boot.

Oliver Wesseloh ist Dipl. Ing. für Brauwesen und gewann 2013 die Weltmeisterschaft der Biersommeliers.
Oliver Wesseloh ist Dipl. Ing. für Brauwesen und gewann 2013 die Weltmeisterschaft der Biersommeliers.

Je näher der große Tag des Deutschen Brauer Bundes rückt, desto kontroverser wird diskutiert. In letzter Zeit ist immer häufiger von einem „Natürlichkeitsgebot“ die Rede. Du bist wohl dessen größter Verfechter. Was ist damit gemeint?

Mein Ansatz ist, dass ich zur Bierbereitung alle natürlichen Rohstoffe verwenden kann. Aber halt in ihrer natürlichen Form. Zum Beispiel Kirschen: Ganze Kirschen sind ok. Kirschmuttersaft ist auch noch ok. Kirschsaftextrakt: nicht ok. Das wäre so mein Ansatz.

Das hieße auch: Hopfenextrakt nicht ok?

Hopfenextrakt definitiv nicht ok. Auch sonstige künstlichen Hilfsmittel wie PVPP definitiv nicht ok, auch alle Maßnahmen, die der verlängerten Haltbarkeit dienen, nicht.

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Zu den Bieren der Kreativbrauerei Kehrwieder im Bierhandwerk-Shop

 

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