Carl von Linde 1925, im Alter von 83 Jahren (Quelle: Linde Healthcare).

Ein besonders kühler Kopf: Carl von Linde

Keine fünf Jahre nach Gründung der Eismaschinenfirma bereitete der besonders milde Winter 1883/84 dem Unternehmen weiteren Aufschwung. Das für die den Gärungsprozess bei regulierter, niedriger Temperatur so dringend benötigte Natureis wurde knapp. So überwanden viele Brauer ihre bisherige Skepsis gegenüber der neuartigen Technik und stiegen auf die Kühlmaschinen um. Auch andere Branchen wandten sich verstärkt an Linde und seine daraufhin noch weiter florierende Firma. Heutzutage ist The Linde Group ein millionenschwerer, börsennotierter Technologie-Konzern, der weltweit in verschiedenen Bereichen tätig ist. Carl Linde war 10 Jahre im Vorstand der Firma, 1890 zog er sich aus dem Geschäft zurück.

Lindes Kältemaschine hat ihm nicht nur unternehmerischen Erfolg beschert, sondern auch die gesamte deutsche Bierkultur stark verändert. Von Bayern einmal abgesehen war vor seiner Erfindung im ganzen Land beinahe ausschließlich die obergärige Brautechnik verbreitet. Mit zunehmender Verbreitung der Kältemaschinen wurden die obergärigen Biersorten aber zusehendes immer weniger.

 

Unermüdlicher Forschergeist

Zwei Jahre, nachdem er den Aufsichtsrat seiner Firma verlassen hatte, nahm Linde seine Professur wieder auf. Nach mehreren Jahren der Lehre und Forschung entwickelte Linde eine weitere revolutionäre technische Methode, welche ab 1892 auch durch einen Auftrag der Guinness-Brauerei gefördert worden war: Das nach ihm benannte Linde-Verfahren ermöglicht die Verflüssigung von Gasgemischen wie Luft. 1895 gelang es dem Erfinder erstmals, größere Mengen Luft zu verflüssigen. Mit seinem neuen Verfahren schuf Linde die Grundlage zur Trennung der einzelnen Bestandteile der Luft, aber auch weitere Möglichkeiten im Bereich der physikalischen Tieftemperaturuntersuchungen. Das auf dem Gegenstromverfahren basierende Verfahren zur Gastrennung ermöglicht auch die Erzeugung von Temperaturen im Bereich von von 77 bis 100 Kelvin (-196 bis – 173 °C).

Basierend auf seiner Forschung, den von ihm entwickelte Methoden und Verfahren wurden Anfang des 20. Jahrhunderts Fertigungsstätten und Anlagen zur Sauerstoff- und Stickstoffgewinnung errichtet. Nachdem Linde 1902 erstmals gelungen war, mittels des Rektifikationsverfahrens aus Luft reinen Sauerstoff zu herzustellen, wurde ein Jahr später im Pullacher Ortsteil Höllriegelskreuth im Süden Münchens die erste industrielle Lufterzeugungsanlage in Betrieb genommen. Der Standort ist nach wie vor der größte des Konzerns.

Linde war als Ingenieur und Wissenschaftler sehr engagiert und Mitglied verschiedener Vereinigungen. Er gehörte nicht nur der Bayrischen Akademie der Wissenschaften an, mit den Jahren verliehen drei verschiedene Hochschulen dem erfolgreichen Erfinder einen Ehrendoktortitel. Den Anfang machte 1897 die Universität Göttingen, im gleich Jahr zeichnete Prinzregent Luitpold Linde mit dem Verdienstorden der Bayrischen Krone aus und erhob ihn in den Adelsstand. 1902 folgten die Ehrendoktorwürden der Technische Hochschule Dresden und 1917 schließlich die der Technischen Hochschule Wien. Seine Professur an der Münchener Hochschule hielt Linde noch bis 1910. In jenem Jahr zog er sich endgültig aus der von ihm mitbegründeten Aktiengesellschaft zurück, welche damals nach wie vor ungeheuer erfolgreich war. Er übergab die Leitung seinen Söhnen Richard und Friedrich Linde, die sein Lebenswerk weiterführten.

Wenig überraschend war der vielseitige Mann auch eine Zeit lang der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Kältevereins. Darüber hinaus hat Linde auch seine Aufzeichnungen veröffentlicht: 1916 erschien seine autobiographische Schrift „Aus meinem Leben und von meiner Arbeit. Erinnerungen des Pioniers der Kältetechnik“. Carl von Linde, dessen Erfindungen die moderne Brauereikunst so viel zu verdanken hat, verstarb 1934 im hohen Alter von 92 Jahren.

 

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Profilfoto Holger Voncken

Holger Voncken, geboren in Aachen Jahrgang 1985, Wohnsitz im Rhein-Sieg Kreis.
Seit annährend zehn Jahren bin ich Anhänger einer buddhistischen Weltanschauung. 2012 habe ich ein Magisterstudium der Germanistik (nebst Philosophie) an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn absolviert. Seither bin ich freischaffend als Journalist tätig.